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Klimagerechtigkeit im Kiez: Welche Stadtteile werden benachteiligt?

Grafische Gegenüberstellung eines dicht bebauten, grünarmen Stadtteils und eines parkreichen Wohngebiets – Klimagerechtigkeit im Kiez

Klimawandel ist kein abstraktes Problem. Er entscheidet darüber, ob jemand in einer Hitzewelle schlafen kann, ob der Keller nach einem Starkregen volläuft, ob Kinder im Sommer draußen spielen können. Und er trifft Menschen in einem Stadtquartier ganz anders als im Nachbarviertel drei Kilometer weiter.

Das Umweltbundesamt hat das 2021 in einer umfangreichen Studie dokumentiert: Soziale Benachteiligung und klimatische Belastung überlagern sich in deutschen Städten systematisch. Wer wenig Geld hat, wohnt häufiger in dicht bebauten, grünarmen, schlecht isolierten Gebieten – und wird deshalb stärker von Hitze, Lärm und Überschwemmung getroffen.

Warum Hitze nicht alle gleich trifft

Stadtbezirke mit hoher Bebauungsdichte speichern tagsüber mehr Wärme und geben sie nachts langsamer ab. In solchen urbanen Wärmeinseln können die nächtlichen Temperaturen 4 bis 8 Grad Celsius über denen in grünen Außenbezirken liegen – ein Wert, der sich in der Forschungsliteratur zu Hitzeinseln konsistent zeigt. Wer dort kein Geld für eine Klimaanlage hat, wer körperlich arbeitet, wer alt oder krank ist, wird das körperlich spüren.

Der Zusammenhang ist empirisch gut belegt. Das UBA-Projekt „Soziale Dimensionen von Klimaschutz und Klimawandel“ (2021) zeigt: Niedrigeinkommenshaushalte leben häufiger in Vierteln mit weniger als 6 Quadratmeter Grünfläche pro Kopf – dem Mindestwert, den die WHO empfiehlt. Tatsächlich liegen viele verdichtete Innenstadtquartiere weit darunter. Gleichzeitig haben Haushalte mit niedrigem Einkommen weniger Möglichkeiten zur privaten Adaptation: kein Garten, keine klimatisierte Wohnung, kein Ferienhaus auf dem Land.

Hinzu kommt die Frage des Gesundheitsrisikos. Ältere Menschen, Säuglinge und chronisch Kranke reagieren empfindlicher auf Hitze. Diese Bevölkerungsgruppen sind in benachteiligten Stadtteilen überrepräsentiert. Die Hitzemortalität – also die erhöhte Sterblichkeit während Hitzewellen – trifft deshalb nicht zufällig, sondern strukturell.

Wer wissen will, wie Hitzeinseln entstehen und welche stadtplanerischen Mechanismen dahinterstecken, findet das bei den urbanen Hitzeinseln ausführlich beschrieben.

Das Grünflächen-Paradox: Wo Parks fehlen, fehlen sie doppelt

Parks und Grünflächen verteilen sich in deutschen Städten nicht gleichmäßig. Das ist keine neue Erkenntnis – aber die Datenlage ist besser geworden. Städtische Klimaanalysekarten, wie sie inzwischen viele Großstädte erstellt haben, zeigen räumlich, wo Grün fehlt und wo gleichzeitig die Hitzebelastung am höchsten ist. Diese Gebiete überlappen fast immer mit Gebieten hoher sozialer Benachteiligung.

Der Mechanismus ist simpel: Wo Grünflächen fehlen, gibt es kaum Verdunstungskühlung. Bäume und Wiesen kühlen ihre Umgebung durch Transpiration um mehrere Grad – in einem typischen Stadtpark können die Temperaturen im Vergleich zur asphaltierten Straßenumgebung um 2 bis 5 Grad niedriger sein. Wo dieser Ausgleich fehlt, heizt sich der Stadtraum stärker auf und bleibt nachts warm.

Warum entstehen neue Grünflächen bevorzugt in wohlhabenderen Gebieten? Die Antworten sind vielfältig. Bürgerengagement ist ungleich verteilt: Wer Zeit hat und die Sprache der Verwaltung spricht, setzt Projekte durch. Grundstückspreise in benachteiligten Gebieten sind zwar niedriger – aber Entsiegelung kostet trotzdem Geld, das Kommunen priorisieren müssen. Und historisch: Große Stadtparks der Gründerzeit wurden in der Nähe bürgerlicher Wohnviertel angelegt.

Das Resultat: Wer arm ist, hat weniger Grün. Und wer weniger Grün hat, leidet stärker unter Hitze. Eine gerechtigkeitsorientierte Stadtplanung muss das aktiv korrigieren – es korrigiert sich nicht von selbst.

Überschwemmungen: Wer zahlt, wer leidet

Starkregen trifft ebenfalls nicht gleichmäßig. In hoch versiegelten Stadtgebieten – in manchen Gründerzeitquartieren sind über 80 Prozent der Fläche versiegelt – kann Wasser nicht versickern. Es fließt in Keller, Erdgeschosse, Unterführungen. Wer im Keller wohnt oder ein Erdgeschoss mit schlecht abgedichtetem Keller hat, trägt das volle Risiko.

Und das ist nicht selten: Kellerwohnungen und preisgünstige Erdgeschosslagen konzentrieren sich in älteren Bestandsgebäuden. Hochwasserversicherungen – technisch „Elementarschadenversicherungen“ – sind in Deutschland noch nicht flächendeckend verbreitet. Laut GDV (Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft) waren 2023 deutschlandweit nur rund 54 Prozent der Wohngebäude gegen Elementarschäden versichert. In Gebieten mit bekanntem Überflutungsrisiko liegt die Quote zum Teil darunter – weil die Prämien schlicht nicht bezahlbar sind.

Das Resultat: Wer es sich nicht leisten kann, trägt das Schadensrisiko allein. Eine staatliche Pflichtversicherung für Elementarschäden wird seit Jahren diskutiert; eine bundesweite Einigung steht noch aus.

Wie Städte das Problem der Überflutung systematisch angehen – mit Schwammstadtkonzepten, Rückhaltebecken und entsiegelten Flächen – ist ein eigenes Thema, das beim Konzept der Schwammstadt ausführlich behandelt wird.

Welche Stadtteile sind konkret betroffen?

Ein Blick in städtische Klimaanalysen zeigt die räumliche Konzentration. In Berlin sind es Stadtteile wie Neukölln, Wedding oder Marzahn-Hellersdorf – dicht bebaut, hoher Versiegelungsgrad, wenig Baumbestand, hoher Anteil von Haushalten mit geringem Einkommen. In Frankfurt am Main zeigen Klimaanalysekarten deutliche Überhitzung in Bereichen wie Fechenheim oder Griesheim. In Hamburg trifft es Wilhelmsburg und Teile von Harburg.

Die Muster ähneln sich in vielen deutschen Städten: Gründerzeitquartiere mit schlechter Isolierung, Plattenbauten der 1960er und 1970er Jahre ohne Außengrün, Hochhaussiedlungen am Stadtrand mit schlechter Infrastruktur. Diese Gebiete wurden zu einer Zeit gebaut, als klimatische Anpassung kein Planungskriterium war. Heute sind sie strukturell benachteiligt – und das wird sich ohne aktives Eingreifen verschärfen.

Besonders problematisch sind sogenannte Doppelbenachteiligungsgebiete: Quartiere, in denen schlechte Klimabedingungen und schwache sozioökonomische Indikatoren zusammentreffen. Das sind die Orte, wo Handlungsdruck am größten ist – und wo die Bevölkerung am seltensten selbst Druck auf die Politik ausüben kann.

Was Kommunen tun können – und was sie tun müssen

Kommunen haben sowohl rechtliche Instrumente als auch konkrete Maßnahmen zur Verfügung. Die Frage ist, ob sie konsequent eingesetzt werden.

Entsiegelung und Grünflächen gezielt platzieren

Entsiegelungsmaßnahmen wirken am stärksten dort, wo die Versiegelung am höchsten und die Einkommenssituation am schwächsten ist. Das klingt selbstverständlich, ist aber in der Praxis nicht selbstverständlich: Stadtparks und Grünanlagen entstehen historisch häufiger in wohlhabenderen Quartieren mit aktivem Bürgerengagement. Eine gerechtigkeitsorientierte Stadtplanung muss das explizit korrigieren.

Konkrete Instrumente: Bauleitplanung mit Grünflächen-Festsetzungen in benachteiligten Gebieten, kommunale Entsiegelungsprogramme, Baumschutzkonzepte mit Pflanzpflicht bei Neubauvorhaben, Fördermittel für Hofbegrünung und Innenhofgestaltung. Das Thema Entsiegelung hat dabei sowohl eine ökologische als auch eine soziale Dimension, die nicht getrennt gedacht werden sollten.

Trinkbrunnen im öffentlichen Raum sind eine vergleichsweise günstige Maßnahme mit direktem Nutzen für Menschen ohne Zugang zu klimatisierten Innenräumen. Mehrere deutsche Städte haben in den letzten Jahren Trinkbrunnenprogramme aufgelegt – die Erfahrungen zeigen, dass die Akzeptanz in allen Bevölkerungsgruppen hoch ist.

Klimasensible Stadtentwicklungsprogramme

Das Bund-Länder-Programm „Sozialer Zusammenhalt“ (früher: Soziale Stadt) fördert Stadtentwicklungsmaßnahmen in benachteiligten Gebieten. Klimaanpassung ist darin explizit als Querschnittsthema verankert. Kommunen, die dieses Programm nutzen, können Grünflächen, Trinkbrunnen, Verschattungselemente und Gebäudesanierungen in Fördergebieten bündeln.

Das ist kein Selbstläufer. Es erfordert, dass die zuständigen Abteilungen – Stadtplanung, Soziales, Umwelt – tatsächlich zusammenarbeiten. In vielen Kommunen passiert das noch nicht systematisch. Klimaschutz läuft im Umweltamt, Soziales im Sozialamt, Bauleitplanung im Stadtplanungsamt. Wer die Schnittstellen nicht aktiv organisiert, verliert Wirkung.

Klimarisikoatlas und Sozialindikatoren kombinieren

Eine methodisch saubere Grundlage für gerechtigkeitsorientierte Klimapolitik ist die Verschneidung von Klimarisikoanalysen mit Sozialindikatoren. Einige Großstädte – darunter Stuttgart, Hamburg und München – haben damit begonnen. Das Ergebnis: Karten, die zeigen, wo hohe Hitzebelastung auf niedrige Einkommen, hohen Migrantenanteil oder hohe Altersarmut trifft. Solche Karten sind die Grundlage, um Maßnahmen nicht nach Lautstärke der Bürgerproteste, sondern nach tatsächlichem Bedarf zu verteilen.

Das Klimaanpassungsgesetz des Bundes (KAnG), das im Juli 2024 in Kraft getreten ist, verpflichtet Kommunen erstmals gesetzlich zur Erstellung von Klimaanpassungskonzepten. Das erzeugt Handlungsdruck – und ist eine Chance, Klimagerechtigkeit strukturell in diese Konzepte einzuschreiben. Was das Gesetz konkret verlangt, ist beim Klimaanpassungsgesetz 2024 zusammengefasst.

Soziale Teilhabe: Wer hat eine Stimme bei Klimaplänen?

Beteiligungsverfahren in der Stadtplanung bevorzugen strukturell jene, die Zeit, Sprache und Netzwerke mitbringen. Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen, mit Sprachbarrieren oder ohne Vertrauen in Institutionen beteiligen sich seltener – obwohl sie häufiger betroffen sind.

Das ist kein kleines Problem. Wenn Klimaanpassungspläne ohne die Perspektive der am stärksten Betroffenen entstehen, greifen sie dort am wenigsten. Lösungsansätze reichen von niedrigschwelligen Beteiligungsformaten (Stadtteilversammlungen mit Kinderbetreuung, mehrsprachige Materialien, aufsuchende Beteiligung) bis zu stärker formalisierten Strukturen wie Klimaräten mit Losverfahren, die eine repräsentativere Bevölkerungszusammensetzung sicherstellen sollen.

Aufsuchende Beteiligung – also Planungsakteure, die in Quartiere gehen statt zu warten, bis jemand ins Rathaus kommt – ist aufwendiger, aber wirksamer. Einige Kommunen haben das in Pilotprojekten erprobt. Die Ergebnisse zeigen: Wer Menschen in ihrem Alltag aufsucht und in ihrer Sprache kommuniziert, bekommt qualitativ andere Rückmeldungen als aus Abendveranstaltungen im Rathaussaal.

Wer sich für das Thema aktiv engagieren will, findet im Überblick zu Bürger & Beteiligung konkrete Einstiegspunkte – von formalen Beteiligungsverfahren bis zu informellen Stadtteilinitiativen. Und was Mietrecht und Hitze konkret für den Wohnalltag bedeuten, ist unter Hitze in der Wohnung beschrieben.

Was Hitzeschutzpläne leisten können

Mehrere deutsche Städte haben in den letzten Jahren Hitzeschutzpläne erarbeitet. Sie definieren Frühwarnsysteme, benennen öffentliche Kühlräume, legen Trinkbrunnenstandorte fest und koordinieren Warnsysteme für vulnerable Gruppen. Gut gemachte Hitzeschutzpläne berücksichtigen dabei ausdrücklich, wo die Vulnerabilität räumlich konzentriert ist – also wo benachteiligte Gruppen und schlechte Klimabedingungen zusammentreffen.

Das ist nicht überall Standard. Hitzeschutzpläne, die keine Sozialraumanalyse einbeziehen, verschicken Warnmeldungen gleichmäßig – und erreichen damit oft gerade diejenigen nicht, die am stärksten gefährdet sind und am wenigsten Ressourcen zur Eigenvorsorge haben.

Klimagerechtigkeit ist keine Nische

Es gibt eine Tendenz, Klimagerechtigkeit als Spezialthema zu behandeln – zuständig für Aktivisten, verhandelt in akademischen Konferenzen. Das ist falsch. Klimagerechtigkeit ist die Frage, ob die Lasten einer Entwicklung gerecht verteilt werden, für die die Betroffenen am wenigsten verantwortlich sind.

Einkommensschwache Bevölkerungsgruppen in deutschen Städten haben einen erheblich kleineren CO₂-Fußabdruck als wohlhabendere Haushalte – sie verbrauchen weniger, reisen seltener, heizen in kleineren Wohnungen, weil sie keine Wahl haben. Und sie tragen trotzdem die größten physischen Risiken des Klimawandels. Das ist keine Naturgewalt. Das ist das Ergebnis von Planungsentscheidungen, die über Jahrzehnte getroffen wurden – und durch neue Entscheidungen geändert werden können.

Wie ein klimagerechtes Quartier konkret aussehen kann und welche städtebaulichen Instrumente dabei greifen, ist in einem eigenen Beitrag zusammengefasst. Klimaanpassung, die diesen Namen verdient, fragt zuerst: Wer ist am stärksten betroffen? Und wer kommt zuletzt zu Wort?