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Freiburg im Breisgau: Klimaschutz als Stadtentwicklungsprinzip

Illustration Freiburg im Breisgau Radverkehr und Solarenergie als Symbole für kommunalen Klimaschutz

In Freiburg, wo ich lebe, merkt man den Unterschied schon auf dem Weg zur Arbeit. Kaum Autoabgase im Stadtzentrum, dafür volle Fahrradstreifen und Straßenbahnen, die tatsächlich kommen. Was sich selbstverständlich anfühlt, ist das Ergebnis von gut 40 Jahren politischer Entscheidungen, die Klimaschutz nicht als Zusatzaufgabe, sondern als Stadtentwicklungsprinzip behandelt haben.

Stärken auf einen Blick

  • Einwohner: ca. 237.000 (2023)
  • Klimaschwerpunkt: Klimamobilität, Solarenergie, klimagerechte Quartiersentwicklung
  • Wichtigstes Programm: Klimaschutzkonzept Freiburg 2030 (Fortschreibung 2022)
  • Auszeichnungen: European Green Leaf Award 2010; ADFC-Fahrradklimatest Platz 1 (Städte >200.000 Einwohner, 2024)

Das Vauban-Quartier: Niedrigenergie als Stadtplanung

Das Quartier Vauban entstand auf dem Gelände einer ehemaligen französischen Kaserne. Zwischen 1994 und 2006 wurde dort auf rund 38 Hektar ein Stadtviertel gebaut, das zum internationalen Referenzprojekt für klimagerechtes Bauen wurde. Die Grundregel: Alle Neubauten mussten mindestens den Niedrigenergie-Standard erfüllen, ein erheblicher Teil der Gebäude wurde als Passivhäuser oder sogar Plusenergiehäuser realisiert.

Vauban hat damals Maßstäbe gesetzt, die heute fast selbstverständlich klingen. Der Anteil regenerativ erzeugter Energie übertrifft im Quartier den lokalen Verbrauch. Über 100 Photovoltaikanlagen auf den Dächern speisen Überschüsse ins Netz. Das Quartier gilt zudem als nahezu autofrei: Stellplätze liegen am Rand, die Wege im Inneren gehören Fußgängern und Radfahrern. Gut 5.500 Menschen wohnen hier heute.

Das Besondere an Vauban ist nicht der Bau selbst, sondern der Prozess. Bewohnerinnen und Bewohner waren von Anfang an in die Planung eingebunden. Das Forum Vauban, ein gemeinnütziger Verein, koordinierte Bürgerbeteiligung und ökologische Qualitätssicherung parallel. Kein Top-down-Projekt, sondern ein kollektives Experiment.

Radverkehr: 33 Prozent sind kein Ziel, sondern Realität

Der aktuelle Modal Split der Stadt Freiburg (2023) weist einen Radverkehrsanteil von 33 Prozent aus. Zum Vergleich: Der Pkw kommt auf 24 Prozent. Das heißt, in Freiburg werden mehr Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt als mit dem Auto. Bundesweit ist das eine absolute Ausnahme.

Dahinter steckt Infrastruktur: Über 500 Kilometer Radwege, ein dichtes Straßenbahnnetz als Rückgrat, und konsequente Flächenumverteilung. Seit den 1990er Jahren wurden im Stadtzentrum sukzessive Autoparkplätze in Fahrradstellplätze und Grünflächen umgewandelt. Die Parkgebühren stiegen, Parkraum wurde reduziert. Das klingt banal, ist aber in den meisten deutschen Städten politisch noch immer nicht durchsetzbar.

Der ADFC-Fahrradklimatest 2024 hat Freiburg in der Kategorie der Städte mit mehr als 200.000 Einwohnern auf Platz 2 geführt, knapp hinter Münster. Relevanter als die Platzierung ist die Trendrichtung: Der Radanteil lag 2017 noch bei 23 Prozent. Zehn Prozentpunkte in sechs Jahren. Das ist kein natürlicher Wandel, sondern das Ergebnis gezielter Planung.

Solarstrategie und Fernwärme: Die Energieseite

Freiburg nennt sich nicht umsonst die Solarhauptstadt Deutschlands. Mit durchschnittlich rund 1.800 Sonnenstunden im Jahr liegt die Region am oberen Rand des bundesdeutschen Vergleichswerts. Die Stadtpolitik hat das früh in Strategie übersetzt: Bereits in den 1990er Jahren entstanden erste kommunale Solarprogramme, das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) hat hier seinen Sitz.

Aktuell treibt die Stadt den Ausbau der Fernwärme voran. Das Ziel ist eine weitgehend dekarbonisierte Wärmeversorgung bis 2035. Die Badenova, der regionale Energieversorger, investiert in Netzausbau und Umstellung von Erdgas auf Biogas und Industriewärme. Parallel dazu schreibt die Stadt neue kommunale Liegenschaften mit verbindlichen Solaranlagen aus.

Der kommunale Klimaschutzplan 2030 fasst diese Stränge zusammen. Er definiert sektorspezifische Reduktionspfade für Wärme, Strom, Verkehr und Konsum. Was ihn von vielen anderen Klimakonzepten unterscheidet: klare Zuständigkeiten, Jahresberichte, und ein politisch verabschiedeter Monitoring-Mechanismus. Kein Konzept für die Schublade.

Was andere Städte lernen können

Das Freiburger Modell lässt sich nicht eins zu eins kopieren. Die Lage, das Klima, die politische Kultur der Stadt sind besonders. Aber die strukturellen Entscheidungen sind übertragbar: frühzeitige Standardsetzung im Wohnungsbau, konsequente Flächenumverteilung zugunsten des Radverkehrs, institutionalisierte Bürgerbeteiligung bei Quartiersentwicklung.

Vor allem das Vauban-Modell inspiriert bis heute neue Stadtentwicklungsprojekte in Deutschland und Europa. Die Kombination aus Niedrigenergie-Standard, Autofreiheit und partizipativer Planung zeigt, dass Klimaschutz und Lebensqualität keine Zielkonflikte sind.

Wer tiefer in die kommunale Wärmeplanung einsteigen möchte, findet auf klimastadtraum.de weiterführende Grundlagen. Für den größeren Rahmen des städtischen Klimaschutzes lohnt ein Blick in den Bereich Kommunaler Klimaschutz.

Weiterführend

Wie Freiburgs Ansätze in ein systematisches kommunales Konzept überführt werden können, zeigt der Beitrag zur Kommunalen Wärmeplanung. Wer wissen will, wie Kommunen ihr eigenes Konzept aufsetzen, findet im Beitrag Klimaschutzkonzept erstellen eine praxisnahe Schritt-für-Schritt-Orientierung.