Eine begrünte Retentionsmulde kühlt, speichert Regenwasser, fördert Biodiversität und verbessert das Stadtbild — vier Probleme, eine Maßnahme. Das ist das Kernargument der Nature-based Solutions (NbS): Mehrfachnutzen statt teurer Einzellösungen. Für Kommunen mit knappen Haushalten ist das kein Luxus, sondern ein Effizienzargument.
Was Nature-based Solutions (NbS) sind — und was sie nicht sind
Nature-based Solutions (NbS) sind Maßnahmen, die natürliche Prozesse und Ökosystemleistungen nutzen, um gesellschaftliche Herausforderungen zu adressieren — von Klimaanpassung über Hochwasserschutz bis zur Luftqualität. Der Begriff wurde maßgeblich durch die EU im Rahmen von Horizon Europe und dem NATURVATION-Forschungsprogramm geprägt und ist heute in EU-Förderpolitik und Stadtentwicklungsrichtlinien verankert.
Was NbS von klassischen Grünmaßnahmen unterscheidet: Es geht nicht um Grünflächen als Selbstzweck, sondern um den messbaren Nutzen für definierte Problemstellungen. Eine Straßenbaumreihe ist kein NbS — ein Straßenbaum, der explizit zur Hitzereduktion an einem Hitzehotspot mit Baumrigole und gezielter Artenwahl geplant wurde, ist einer. Der Unterschied liegt in der Intention und der Messbarkeit der Wirkung.
Drei Kernmaßnahmen dominieren das NbS-Toolkit im urbanen Kontext: Stadtbäume und Baumreihen, begrünte Dächer und Fassaden sowie Retentionsmulden und -flächen. Jede dieser Maßnahmen erbringt mehrere Ökosystemleistungen gleichzeitig — was die Kostenbewertung grundlegend verändert, wenn man nicht nur die Investition, sondern den Gesamtnutzen rechnet.
Quellen: EU Horizon Europe, NATURVATION, UBA, Zentrum KlimaAnpassung.
Der Mehrfachnutzen-Ansatz: Eine Maßnahme löst fünf Probleme
Das stärkste Argument für NbS in kommunalen Haushaltsdebatten ist nicht Ökologie, sondern Effizienz. Eine begrünte Versickerungsmulde kann fünf Ökosystemleistungen gleichzeitig erbringen — und damit fünf separate Investitionslinien ersetzen oder reduzieren.
Am Beispiel einer Retentionsmulde mit Bepflanzung an einer Stadtstraße: Erstens übernimmt sie Regenwasserrückhalt — Entlastung der Kanalisation bei Starkregenereignissen (Leistung: hydraulische Retention). Zweitens liefert sie Verdunstungskühlung — die Verdunstung der gespeicherten Feuchtigkeit kühlt das unmittelbare Mikroklima messbar (Leistung: Temperaturregulation). Drittens schafft sie Lebensraum für Insekten und Kleinstlebewesen, selbst in verdichteten Innenstadtlagen (Leistung: Biodiversitätsförderung). Viertens wirkt sie als CO₂-Senke durch Biomasse und Bodenaktivität — klein, aber kumuliert über ein Stadtgebiet relevant (Leistung: Kohlenstoffspeicherung). Fünftens verbessert sie das Stadtbild und damit die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum (Leistung: soziale und kulturelle Ökosystemleistung).
Diese Mehrfachnutzen-Logik ist kein akademisches Konstrukt. Sie verändert, wie Förderanträge aufgebaut werden sollten: Wer eine Retentionsmulde nur als Entwässerungsmaßnahme beantragt, lässt Förderpotenzial liegen. Wer dieselbe Maßnahme als Klimaanpassungsmaßnahme mit Hitze- und Starkregenbezug beantragt, erschließt weitere Programme.
Quellen: UBA, Zentrum KlimaAnpassung, EU Climate-ADAPT.
Berlin Regenwasseragentur: Systematisches NbS seit 2017
Berlin ist in Deutschland am weitesten bei der systematischen Umsetzung naturbasierter Regenwasserlösungen. Die Berliner Regenwasseragentur — gegründet 2017 als gemeinsames Projekt des Berliner Senats und der Berliner Wasserbetriebe — hat diesen Ansatz institutionalisiert.
Die Berliner Regenwasseragentur berät jährlich rund 300 Eigentümerinnen, Projektbeteiligte und Kommunen bei der Planung von NbS-Maßnahmen: Tiefbeete, Sickerpflaster, Baumrigolen, grundstücksübergreifende Versickerungslösungen, Regenspeicher im öffentlichen Raum. Jährlich ist die Agentur an 20 bis 30 konkreten Vorhaben beteiligt — Straßen, Plätze, Parks, Quartiere, Landesimmobilien.
Das Berliner Modell ist auf andere Städte übertragbar, weil es einen entscheidenden Baustein enthält: eine neutrale Beratungsinstanz, die zwischen Grundstückseigentümern, Verwaltung und Versorgungsunternehmen vermittelt. Viele NbS-Projekte scheitern nicht an der Technik, sondern daran, dass Grundstücksgrenzen, Entwässerungssatzungen und Förderrichtlinien nicht aufeinander abgestimmt sind. Die Regenwasseragentur schließt genau diese Koordinationslücke.
Eine spezifisch Berliner Innovation: der „Grüne Gulli“ — eine Kombination aus klassischem Straßenentwässerungsgulli und seitlich angebrachter Pflanzzone, die anfallendes Regenwasser dezentral aufnimmt und im Boden speichert. Klein in der Einzelwirkung, aber skalierbar über Tausende Straßenabschnitte. Mehr zum Schwammstadt-Konzept und seinen Bausteinen.
Quellen: Berliner Regenwasseragentur (regenwasseragentur.berlin), Berliner Senat, BBSR.
Hamburg HafenCity: NbS als Planungsstandard
In der Hamburger HafenCity wurden NbS-Maßnahmen von Beginn an als Planungsstandard verankert — kein nachträgliches Greenwashing, sondern integrierte Stadtentwicklung.
Die HafenCity ist Europas größtes innerstädtisches Stadtentwicklungsprojekt. Bei der Planung wurde konsequent auf blaue und grüne Infrastruktur gesetzt: Retentionsflächen entlang der Promenaden, begrünte Innenhöfe als Pflichtbestandteil der Bebauungsplanung, wassersensible Freiraumgestaltung an der Elbe. Das gesamte Entwässerungskonzept der HafenCity weicht bewusst vom konventionellen Ansatz ab — Regenwasser wird wo möglich dezentral gehalten, bevor es in das städtische Kanalnetz gelangt.
Hamburg fördert zudem Dachbegrünungen mit bis zu 60 Prozent der Investitionskosten über das städtische Förderprogramm. Das hat messbare Wirkung: Die begrünte Dachfläche in Hamburg ist in den vergangenen Jahren erheblich gewachsen. Dachbegrünung ist dabei kein reines NbS-Instrument — sie verbessert gleichzeitig die Wärmedämmung des Gebäudes, verlängert die Lebensdauer der Dachabdichtung und reduziert die Aufheizung des Stadtteils durch verringerte Albedo-Verluste.
Quellen: HafenCity Hamburg GmbH, Umweltbehörde Hamburg, BBSR.
Stadtbäume, begrünte Dächer, Retentionsmulden: Das NbS-Kerntrio
Drei Maßnahmentypen bilden das Rückgrat kommunaler NbS-Strategien — mit unterschiedlichen Kosten-Nutzen-Profilen und Zuständigkeiten.
Stadtbäume sind die investitionsintensivste, aber auch wirkungsstärkste Einzelmaßnahme. Ihre Kühleistung durch Evapotranspiration an heißen Tagen ist erheblich. Der Haken: Bäume brauchen Jahrzehnte, um volle Wirkung zu entfalten. Der Pflanzaufwand allein reicht nicht — klimaangepasste Artenwahl (dazu mehr im Artikel zu Baumschutzkonzepten) und ausreichend Wurzelraum sind entscheidend. Ein Straßenbaum in verdichtetem Stadtboden mit zu kleiner Baumscheibe stirbt früh und kühlt nie.
Begrünte Dächer — extensiv oder intensiv — erbringen Retention, Dämmung, Kühlung und Biodiversitätsleistungen auf ungenutzten Flächen. Ihr Vorteil: Sie konkurrieren nicht mit anderen Nutzungen. Ihr Nachteil: Nachrüstung ist teuer und statisch aufwendig. Bei Neubaupflicht (mehrere Bundesländer haben entsprechende Regelungen, die Umsetzungsmechanismen variieren) ist die Wirtschaftlichkeit klar besser.
Retentionsmulden sind die günstigste und am schnellsten wirkende NbS-Maßnahme im öffentlichen Raum. Sie lassen sich bei Straßenumgestaltungen, Schulhofneugestaltungen und Platzumbauten integrieren. Wartungsaufwand ist gering, wenn die Bepflanzung standortgerecht gewählt wird. Fehlende Pflege — mangelndes Mähen, Verschlammung — degradiert die Funktion innerhalb weniger Jahre. Das ist das häufigste Scheiternsmuster in der Praxis.
Mehr zu den Planungsinstrumenten: Entsiegelung in der Stadt — Maßnahmen, Kosten und Fördermöglichkeiten. Zum Gesamtrahmen: Klimagerechte Stadtentwicklung — der Überblick für Kommunen.
Quellen: UBA, Berliner Regenwasseragentur, Difu, FLL-Dachbegrünungsrichtlinie 2018.
NbS in der Bauleitplanung verankern: Von der Maßnahme zur Strategie
Einzelmaßnahmen sind gut. Systeme sind besser. Wer NbS kommunalstrategisch denkt, verankert sie nicht projektweise, sondern als Standard in der Bauleitplanung — damit jedes neue Bebauungsplanverfahren automatisch NbS-Anforderungen enthält.
Das geht über drei Hebel: Erstens Festsetzungen im B-Plan nach § 9 BauGB — Dachbegrünungspflichten, Freiflächengestaltungsstandards, Mindestversiegelungsgrade. Zweitens kommunale Satzungen — Entwässerungssatzungen, die dezentrale Versickerung auf Grundstücken vorschreiben. Drittens informelle Planwerke — städtische Freiflächenkonzepte, Grünstrukturpläne, kommunale Klimaanpassungskonzepte nach § 12 KAnG — die als Abwägungsgrundlage in B-Plan-Verfahren herangezogen werden.
Der entscheidende Unterschied zwischen NbS als Projekt und NbS als Standard: Projekte entstehen aus Förderanträgen — und enden, wenn die Förderung ausläuft. Standards entstehen durch Satzung und Bauleitplanung — und gelten dauerhaft. Eine Kommune, die NbS nur über Förderprojekte betreibt, hat nach dem Ende des Förderzyklus oft wenig Dauerhaftes in der Hand. Eine Kommune, die NbS in den B-Plan-Standard integriert, schafft kumulative Wirkung über Jahrzehnte.
Quellen: BauGB § 9, KAnG § 12, BBSR, Difu.
Finanzierung und Förderwege für NbS-Projekte
Naturbasierte Lösungen sind förderfähig — aber die passenden Programme zu finden und Anträge strategisch zu bündeln, ist Planungsarbeit für sich.
Das wichtigste Bundesprogramm ist die NKI-Kommunalrichtlinie des BMUV: Klimaanpassungskonzepte, die NbS als zentrale Maßnahmenklasse einschließen, sind mit bis zu 90 Prozent für finanzschwache Kommunen förderfähig, Standardquote 70 Prozent. Das Programm läuft bis Dezember 2027. Wer jetzt beantragt, kann noch vollständige Förderzeiträume für Umsetzungsmaßnahmen ausschöpfen.
Ergänzend: Das BMUV-Programm zur Anpassung urbaner Räume an den Klimawandel mit einem Gesamtbudget von 656 Millionen Euro adressiert explizit NbS-Maßnahmen im städtischen Kontext — Schwerpunkte Hitzeschutz, Starkregenvorsorge, Entsiegelung. Für größere Vorhaben sind außerdem EFRE-Mittel der Länder und die EU-Klimafonds (LIFE-Programm) relevant.
Ein strategischer Tipp aus der Praxis: NbS-Projekte, die mehrere Ökosystemleistungen nachweisbar erbringen, lassen sich häufig bei mehreren Programmen gleichzeitig als förderfähige Maßnahme einreichen — Regenwassermanagement beim einen, Hitzeschutz beim anderen. Das erfordert Koordination zwischen Ämtern und Bewilligungsstellen, ist aber bei guter Vorbereitung möglich und erhöht die Gesamtförderquote.
Quellen: BMUV NKI, klimaschutz.de, BBSR, ZUG.
FAQ: Naturbasierte Lösungen für Kommunen
Was bedeutet NbS — Nature-based Solutions?
Nature-based Solutions sind Maßnahmen, die natürliche Ökosystemleistungen nutzen, um gesellschaftliche Herausforderungen wie Klimaanpassung oder Hochwasserschutz zu adressieren. Der Begriff ist im EU-Rahmen (Horizon Europe, NATURVATION) definiert und heute in Förderpolitik und Stadtentwicklungsrichtlinien verankert. Der Unterschied zu klassischen Grünmaßnahmen: NbS werden auf messbare Problemlösungen ausgerichtet und optimiert.
Wie viele Ökosystemleistungen kann eine NbS-Maßnahme gleichzeitig erbringen?
Drei bis fünf sind realistisch erreichbar. Eine Retentionsmulde mit standortgerechter Bepflanzung erbringt gleichzeitig Regenwasserrückhalt, Mikroklimakühlung, Biodiversitätsförderung, CO₂-Bindung und Aufenthaltsqualität. Entscheidend ist, diese Leistungen in Förderanträgen und Wirtschaftlichkeitsberechnungen explizit auszuweisen.
Ist Berlin die einzige deutsche Stadt mit einer Regenwasseragentur?
Berlin hat mit der 2017 gegründeten Regenwasseragentur eine institutionell verankerte Beratungsstruktur, die bundesweit einmalig ist. Andere Städte haben vergleichbare Beratungsangebote in anderer Organisationsform — etwa über kommunale Umweltämter oder Kooperationen mit Versorgungsunternehmen. Das Berliner Modell gilt als Vorbild für die Institutionalisierung kommunaler NbS-Beratung.
Welche NbS-Maßnahmen sind für kleinere Kommunen geeignet?
Retentionsmulden und Versickerungsflächen im öffentlichen Raum sind auch für kleinere Kommunen gut handhabbar — geringe Investitionskosten, bekannte Technik, integrierbar in Regelunterhaltungsmaßnahmen. Straßenbäume mit klimaangepasster Artenwahl sind mittelfristig wirkungsvoll. Begrünte Dächer auf kommunalen Gebäuden lassen sich bei Sanierungen integrieren und sind über Bundes- und Landesprogramme förderfähig.
Wie unterscheidet sich NbS von klassischer Grünplanung?
Klassische Grünplanung schafft Grünflächen als Erholungs- und Gestaltungselement — mit ökologischer Nebenwirkung. NbS ist umgekehrt: Die Problemlösung steht vorne, das Grün ist das Werkzeug. Eine NbS-Maßnahme wird nach messbarer Wirkung auf ein definiertes Problem optimiert — Hitzereduktion, Retentionsvolumen, Biodiversitätswert. Das verändert Planungsprozess, Erfolgsmessung und Förderfähigkeit grundlegend. Die EU-Taxonomie für nachhaltige Finanzen klassifiziert naturbasierte Lösungen außerdem als förderfähige Umweltmaßnahmen — ein zunehmend relevanter Aspekt für kommunale Gebäude- und Infrastrukturfinanzierung.