Versiegelte Flächen heizen sich auf, leiten Regenwasser direkt in die Kanalisation und bieten keinen Lebensraum. Ludwigshafen liegt mit rund 67 % versiegelter Siedlungsfläche bundesweit an der Spitze, Mannheim mit 66 % auf Rang zwei (GDV-Studie 2023). Auch der deutschlandweite Mittelwert von 44 % zeigt: Das Potenzial ist vorhanden. Die Frage ist nicht ob, sondern wo und wie.
Das Ausmaß des Problems: Versiegelung in deutschen Städten
Das Umweltbundesamt schätzt den Versiegelungsgrad in deutschen Kernstädten im Schnitt auf rund 50 %. Das bedeutet: Die Hälfte aller Flächen innerhalb städtischer Siedlungsgrenzen sind vollständig oder weitgehend für Niederschlag undurchlässig. Auf Bundesländerebene liegt Baden-Württemberg mit 50 % an der Spitze, Brandenburg mit 36 % am unteren Ende.
Die Konsequenzen sind bekannt: Starkregen erzeugt schnellen Abfluss und überfordert Kanalnetze, versiegelte Oberflächen speichern tagsüber Wärme und geben sie nachts ab (Urban Heat Island), und Grundwasserneubildung bricht ein, weil Niederschlag kaum versickert. In Extremsommern wie 2018, 2019 oder 2022 waren diese Effekte in deutschen Städten unmittelbar spürbar — überschwemmte Unterführungen, heiße Wohngebiete ohne Abkühlung, trockene Stadtbäume.
Das Entsiegelungspotenzial beziffert das UBA auf bundesweit hunderttausende Hektar. Eine genaue Zahl ist aus methodischen Gründen schwer zu nennen — sie hängt davon ab, welche versiegelten Flächen als rückbaubar gelten und welche Mindestanforderungen an die Nachnutzung gestellt werden. Klar ist: Das Potenzial ist groß. Es liegt auf Brachflächen, überdimensionierten Parkierungsanlagen, ausgedienten Gewerbehöfen und historisch überbreiten Verkehrsflächen.
Das Paradox: In vielen deutschen Städten wird gleichzeitig entsiegelt und neu versiegelt. Das UBA verzeichnet eine Neuversiegelung von zuletzt rund 50–60 Hektar pro Tag bundesweit. Das politische Ziel der Bundesregierung (Nachhaltigkeitsstrategie) ist eine Reduktion auf unter 30 Hektar täglich bis 2030. Entsiegelungsmaßnahmen allein schaffen das nicht — nötig ist die Kombination aus reduziertem Neuverbrauch und aktiver Rückführung bestehender Flächen.
Wo liegen die realen Potenzialflächen?
Nicht jede versiegelte Fläche lässt sich entsiegeln — manche sind technisch notwendig (Fahrbahnen, Gehwege, Betriebsflächen), andere befinden sich in privatem Eigentum ohne kommunalen Zugriff. Die realistisch aktivierbaren Potenziale konzentrieren sich auf vier Flächentypen.
Brachflächen und Konversionsflächen: Ehemalige Industrie- und Gewerbeflächen, aufgegebene Bahnanlagen und militärische Liegenschaften. Sie sind oft teilversiegelt, komplex kontaminiert und befinden sich in Handlungsoptionen der öffentlichen Hand oder von Entwicklungsgesellschaften. Entsiegelung hier ist Teil der Gesamtentwicklung, lässt sich aber in städtebaulichen Verträgen und Bebauungsplänen verbindlich vorschreiben.
Überdimensionierte Parkplätze: Kommunale Parkierungsanlagen aus den 1960er- bis 1980er-Jahren sind vielfach überdimensioniert — der Pkw-Bestand stagniert, das Parkverhalten ändert sich. Entsiegelung plus Baumsubstrat plus Rasengitter oder Schotterrasen sind in vielen Städten erprobte Umgestaltungsformate. Entscheidend ist dabei, dass neue Bäume sofort mitgepflanzt werden, damit die Fläche langfristig als Kühlungsinstrument wirkt.
Private Hinterhöfe in Gründerzeitquartieren: Viele stadttypische Innenhöfe sind vollasphaltiert und thermisch belastet. Kommunen können hier kaum direkt eingreifen — aber Förderprogramme für private Entsiegelung, kombiniert mit Beratungsangeboten, zeigen Wirkung. Köln, Hamburg und München haben solche Programme aufgelegt und berichten von hoher Nachfrage. Die Hemmschwelle bei Eigentümern liegt oft nicht am Willen, sondern an der Unkenntnis verfügbarer Fördermittel.
Verkehrsbegleitflächen: Mittelstreifen, Seitenstreifen, überbreite Gehwege — diese Flächen sind kommunales Eigentum und direkt zugänglich. Entsiegelung mit Begleitbegrünung ist hier verhältnismäßig einfach umsetzbar und erfordert keine Eigentümerzustimmung. Der Aufwand für Planung und Umsetzung ist gering, die Wirkung auf das Mikro-Stadtklima unmittelbar.
Kosten und Aufwand: Was Entsiegelung wirklich kostet
Die Investitionskosten für Entsiegelung variieren stark nach Ausgangssituation, Abrisstiefe und Folgenutzung. Richtwerte aus kommunalen Projekten und Fachplanungspraxis geben eine Orientierung, sind aber keine Garantiewerte — lokale Konjunktur, Bodenverhältnisse und Kontaminationsgrad können erheblich abweichen.
- Einfache Asphaltentfernung mit Raseneinsaat: rund 15–40 Euro pro m² (abhängig von Dicke der Befestigungsschicht und Entsorgungskosten des Aufbruchs)
- Entsiegelung mit Baumsubstrat und Pflanzung: 80–200 Euro pro m², bei Tiefbauarbeiten für Baumgruben und Bewässerungsinfrastruktur deutlich mehr
- Komplex-Maßnahmen mit Rigolensystem oder Versickerungsanlage: 200–400 Euro pro m² je nach technischer Ausführung und Bodenpermeabilität
Ein Kostenblock, der in Wirtschaftlichkeitsberechnungen häufig unterschätzt wird: Betriebskosten. Entsiegelte Flächen mit Bäumen und Bepflanzung brauchen Pflege, Bewässerung in Trockenphasen und regelmäßige Baumkontrolle. Je nach Pflegeintensität sind 5–15 Euro pro m² und Jahr realistisch. Über 30 Jahre summiert sich das — und übersteigt häufig die Investitionskosten.
Trotzdem ist die gesamtwirtschaftliche Rechnung eindeutig positiv: Entsiegelung reduziert Kanal-Überlastungskosten bei Starkregen, spart Energiekosten für Klimatisierung in angrenzenden Gebäuden, steigert Grundstückswerte in begrünten Quartieren und reduziert gesundheitliche Folgekosten durch Hitzeereignisse. Kosten-Nutzen-Analysen kommunaler Grünprojekte kommen regelmäßig auf Verhältnisse von 1:3 bis 1:8.
Förderprogramme für kommunale Entsiegelung
Kommunale Entsiegelungsmaßnahmen sind aus mehreren Fördertöpfen finanzierbar — je nach konkretem Maßnahmentyp und Einbettung in übergeordnete Planungszusammenhänge.
KfW 432 Energetische Stadtsanierung: Das Programm fördert integrierte Quartierskonzepte mit 75 % Zuschuss (90 % für finanzschwache Kommunen). Entsiegelung als Teil eines Schwammstadtkonzepts oder Klimaanpassungsquartiers ist förderfähig. Nach einer Förderpause wurde das Programm Ende 2025 neu gestartet. Für 2025 und 2026 stehen je 75 Millionen Euro bereit. Maximaler Zuschuss für das Quartierskonzept selbst: 200.000 Euro.
BMWSB Anpassung urbaner Räume an den Klimawandel: Das Programm fördert bauliche Maßnahmen zur Klimaanpassung in Städten — Entsiegelung, Stadtbegrünung, Wasserrückhalt. Das Fördervolumen für das Programm liegt laut BMWSB bei 656 Millionen Euro für den Programmzeitraum 2021–2027. Antragsstellung über die Länder, Förderhöhe variiert je nach Bundesland und Programmphase.
Naturschutzrechtliche Ausgleichsmaßnahmen: Entsiegelung kann als Ausgleichsmaßnahme für Eingriffe in Natur und Landschaft nach §15 BNatSchG anerkannt werden. Das ist kein klassisches Förderprogramm, schafft aber einen Finanzierungsrahmen: Eingriffe an anderer Stelle finanzieren Entsiegelung im Stadtgebiet. In der Praxis werden Ökopunkte oder Flächenzertifikate gehandelt — ein System, das in Baden-Württemberg besonders ausgeprägt ist.
Landesförderprogramme: Mehrere Bundesländer haben eigene Entsiegelungsprogramme aufgelegt. Bayern (Bayerisches Förderprogramm Klimaanpassung), NRW (Klimaanpassung in der kommunalen Bauleitplanung) und BW (Klimaanpassungsstrategie) gehören hier zu den aktivsten. Die Konditionen variieren stark — Recherche beim jeweiligen Umweltministerium oder der Förderdatenbank des Bundes (foerderdatenbank.de) lohnt sich.
Praxisbeispiele: Was deutsche Städte tun
Einige Kommunen haben Entsiegelungsmaßnahmen systematisch in ihre Stadtentwicklungsplanung integriert und zeigen, was in unterschiedlichen Stadtteiltypen möglich ist.
Hamburg hat mit dem Programm „Klimawandelgerechte Metropole Hamburg“ mehrere Modellquartiere entwickelt, in denen Entsiegelung, Begrünung und Regenwassermanagement als Paket umgesetzt wurden. Besonders in der Hafen-City und in Wilhelmsburg sind diese Maßnahmen in den öffentlichen Raum integriert — sichtbar als Grünzüge und begrünte Straßenprofile.
Stuttgart verfolgt seit Jahren einen konsequenten Ansatz bei Entsiegelung entlang von Kaltluftschneisen. Die topografische Situation Stuttgarts — Kessel, umgeben von Hängen — macht Frischluftkorridore besonders wertvoll. Wo diese Korridore durch versiegelte Flächen unterbrochen waren, hat die Stadt schrittweise entsiegelt und begrünt.
Kleinere Kommunen setzen oft auf Programme für Privatflächen: Zuschüsse von 10–30 Euro pro m² für die Entsiegelung privater Garageneinfahrten, Hinterhöfe oder Vorgärten haben in mehreren Mittelstädten messbare Effekte gezeigt. Der administrative Aufwand ist überschaubar, die Wirkung auf das Quartiersklima kumuliert sich.
Häufige Fragen zur Entsiegelung in Städten
Was versteht man unter Entsiegelung?
Entsiegelung bezeichnet das Entfernen oder Öffnen von wasserdichten Oberflächenbefestigungen — Asphalt, Beton, Pflaster — um Boden wieder wasseraufnahmefähig und belebbar zu machen. Das Ziel ist die Wiederherstellung natürlicher Bodenfunktionen: Versickerung, Verdunstung, biologische Aktivität und Wärmeregulation.
Kann Entsiegelung privater Flächen gefördert werden?
In einigen Kommunen ja — über städtische Förderprogramme, die Hauseigentümern Zuschüsse für Hofentsiegelung oder Garagenzufahrten bieten. Bundesweit ist das nicht einheitlich geregelt. Wer eine solche Maßnahme plant, sollte beim städtischen Umwelt- oder Grünflächenamt nachfragen, ob kommunale Programme bestehen.
Wie viel Fläche wird in Deutschland jährlich neu versiegelt?
Das UBA verzeichnet eine Neuversiegelung von zuletzt rund 50–60 Hektar pro Tag bundesweit. Das politische Ziel ist eine Reduktion auf unter 30 Hektar täglich bis 2030. Entsiegelung allein kann diesen Zielwert nicht erreichen — nötig ist die Kombination aus reduziertem Neuverbrauch und aktiver Rückführung bestehender versiegelter Flächen.
Welche technischen Alternativen gibt es zu vollständiger Entsiegelung?
Für Flächen, die nicht vollständig entsiegelt werden können (Betriebsflächen, stark frequentierte Wege), gibt es versickerungsfähige Beläge: Rasengitter, Schotterrasen, wasserdurchlässiges Pflaster oder Drainasphalt. Diese reduzieren den Abfluss und die Wärmespeicherung deutlich, ohne die Nutzbarkeit der Fläche aufzugeben. Vollständige Entsiegelung ist nicht immer das Ziel — wasserdurchlässige Befestigung oft die praktischere Option — in zahlreichen deutschen Kommunen bereits erfolgreich erprobt und standardmäßig eingesetzt.
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Entsiegelung und Schwammstadt: Das Zusammenspiel
Entsiegelung und Schwammstadtprinzip sind keine getrennten Konzepte, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Schwammstadt bedeutet, dass Städte Niederschlag möglichst lange in der Stadt halten — in Böden, Rigolen, Mulden, Gründächern — statt ihn sofort in die Kanalisation abzuleiten. Entsiegelung ist die bauliche Voraussetzung dafür: Nur ein offener, belebter Boden kann Wasser aufnehmen und zwischenspeichern.
Die Kombination beider Ansätze ist synergetisch: Entsiegelung schafft die physische Wasseraufnahmekapazität, Schwammstadtelemente wie Rigolen und Mulden verteilen und verlangsamen den Abfluss. Auf Quartiersebene ergeben sich daraus messbare Effekte: Reduktion der Spitzenabflussmenge bei Starkregen, Senkung der Grundwasserdefizite in Trockenperioden, Verbesserung des Mikroklimas durch verstärkte Evapotranspiration.
Für die kommunale Planung bedeutet das: Entsiegelungsplanung sollte nicht isoliert vom Regenwassermanagement-Konzept erstellt werden. Die zuständigen Ämter — Grünflächen, Tief- und Straßenbau, Entwässerung, Stadtplanung — müssen in abgestimmten Prozessen zusammenarbeiten. In der Praxis ist das oft die eigentliche Herausforderung: nicht die Technik, sondern die ressortübergreifende Koordination.
Einige Kommunen haben dafür eigene Koordinierungsstrukturen geschaffen: Runde Tische für Stadtklima, ressortübergreifende Projektgruppen, dezernatsübergreifende Arbeitsgruppen. Das klingt nach Bürokratie-Aufbau — ist aber die Voraussetzung dafür, dass Klimaanpassungsmaßnahmen die Silogrenzen der Verwaltung überwinden. Ohne Koordination bleibt Entsiegelung ein Projekt des Grünflächenamts, das mit der Entwässerungsplanung kollidiert.