Nürnberg ist im Kontext der urbanen Klimaanpassung eine Stadt, die man kennen muss. Nicht wegen spektakulärer Einzelprojekte, sondern wegen des methodischen Ansatzes: Früh in den Prozess eingestiegen, systematisch dokumentiert, und als Modellkommune Grundlagen erarbeitet, die heute in vielen Städten angewendet werden.
Stärken auf einen Blick
- Einwohner: ca. 540.000 (2023)
- Klimaschwerpunkt: Urbane Klimaanpassung, Hitzeinseln, Kaltluftmanagement
- Wichtigstes Programm: BBSR ExWoSt KlimaExWoSt Modellprojekt (2009-2012); Klimaanpassungskonzept Nürnberg
- Auszeichnungen: Pilotkommune BBSR-Forschungsprogramm urbane Klimaanpassung
BBSR-Pilotprojekt: Nürnberg als Modellkommune
Von 2009 bis 2012 war Nürnberg eine von neun Kommunen, die am ExWoSt-Forschungsprogramm des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) unter dem Titel KlimaExWoSt teilgenommen haben. Das Programm stand unter dem Dach des damaligen Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung.
Der Nürnberger Beitrag war konkret: Entwicklung einer kommunal orientierten Anpassungs- und Handlungsstrategie für den Klimawandel. Zwei innerstädtische Teilgebiete mit sehr unterschiedlichem Charakter wurden dabei untersucht. Einerseits die historische mittelalterliche Altstadt mit dichter Bebauung und hohem Versiegelungsgrad, andererseits die industriell geprägte Weststadt mit heterogenem Gebäudebestand.
Der Stadtklimalotse, ein Online-Tool des BBSR, wurde parallel zu diesem Forschungsprogramm entwickelt und ist bis heute ein verbreitetes Instrument für kommunale Klimafolgenabschätzung. Nürnbergs Erfahrungen aus dem Modellprojekt sind in die Weiterentwicklung des Tools eingeflossen. Die Verbindung zwischen dem BBSR-KlimaStadtRaum-Portal und der Nürnberger Pilotarbeit macht die Stadt zu einem Referenzfall für klimastadtraum.de — hier schließt sich ein Kreis.
Kaltluftkorridore und Hitzeinselproblematik
Nürnberg leidet unter einer ausgeprägten Hitzeinsel-Problematik. Die Stadt liegt in einer Senke, umgeben von Wäldern und Äckern, die nachts kühle Luft produzieren. Damit diese Kaltluft in die Stadt einströmen kann, braucht es freie Korridore, die nicht verbaut werden dürfen.
Im Rahmen des Klimaanpassungskonzepts hat Nürnberg eine Karte der Kaltluftströmungen erarbeitet und planungsrechtlich abgesichert. Das heißt konkret: Bestimmte Bereiche, besonders die Flussniederungen der Pegnitz und ihrer Zuläufe sowie ausgedehnte Grünzüge, werden in der Bauleitplanung freigehalten. Neubauten in kritischen Zonen erfordern eine Klimaverträglichkeitsprüfung.
Die Ergebnisse des Stadtklima-Monitorings zeigen, dass die Innenstadt an Hitzetagen um bis zu 5 Grad wärmer sein kann als die umgebenden Freiflächen. Maßnahmen wie die Begrünung von Innenhöfen, Entsiegelung von Schulhöfen und die Anlage von Baum-Neupflanzungen entlang stark versiegelter Straßenzüge wirken diesem Effekt entgegen, wenn auch langsam.
Pegnitz-Renaturierung: Wassermanagement als Klimainstrument
Die Pegnitz durchfließt Nürnberg auf rund 25 Kilometern. Große Abschnitte des Flusslaufs waren historisch verbaut, befestigt und von Nutzungsansprüchen eingegrenzt. Seit Mitte der 2000er Jahre laufen Renaturierungsprojekte, die dem Fluss mehr Raum geben.
Renaturierte Uferabschnitte leisten mehrfachen Nutzen: Sie verbessern den Wasserrückhalt bei Starkniederschlägen, schaffen Verdunstungsflächen für den Kühleffekt in Hitzeperioden, und bilden Grünkorridore, die Kaltluft in die Stadt leiten. Das ist kein rein ökologisches Projekt, sondern ein Klimaanpassungsinstrument.
Parallel dazu hat die Stadt mehrere Pilotprojekte zur dezentralen Regenwasserbewirtschaftung realisiert. Versickerungsflächen auf städtischen Liegenschaften, begrünte Straßenmittelsstreifen mit Mulden, und Retentionsflächen in neuen Wohngebieten sollen den städtischen Wasserhaushalt resilienter machen. Das Schwammstadt-Prinzip ist in Nürnberg kein Buzzword, sondern Teil des technischen Planungsvokabulars.
Wer sich in die Grundlagen der urbanen Klimaanpassung einlesen möchte, findet auf klimastadtraum.de den Pillar zu Klimaanpassung in Städten. Spezifisch zur Hitzeproblematik gibt es den Beitrag zu Urbanen Hitzeinseln.
Was andere Städte lernen können
Nürnbergs wichtigste Lektion ist methodischer Natur. Die Stadt hat keine Einzelmaßnahmen ohne Gesamtkonzept umgesetzt, sondern zuerst die Klimafunktionskarte erstellt, Kaltluftpfade identifiziert, Hitzebelastung kartiert. Dann gehandelt.
Dieser Analyse-vor-Maßnahme-Ansatz ist auf viele Kommunen übertragbar, unabhängig von Stadtgröße oder Budgetlage. Der Stadtklimalotse des BBSR steht als freies Online-Werkzeug zur Verfügung. Nürnberg hat gezeigt, wie man damit arbeitet.
Weiterführend
Den Rahmen für kommunale Klimaanpassung insgesamt setzt das Klimaanpassungsgesetz 2024, das erstmals verbindliche Grundlagen für alle Kommunen schafft. Konkrete Planungsinstrumente gegen Hitze zeigt der Beitrag zum Hitzeschutzplan für Städte.